Der Patriarch

I.

Das Schiff befand sich bereits im Landeanflug, aber Lea war noch lange nicht bereit.
"Ich werde das da auf keinen Fall anziehen!" sagte sie und deutete auf ein prunkvolles Zeremonialgewand. Sie strich über den mattschwarzen Stoff ihrer Uniform.
"Aber das ist die Tradition..." warf die Dienerin ein.
"Vergessen Sie es. Die Traditionen sind korrumpiert."
Die Tür ihres Quartiers glitt auf und Haggar Dumont trat ein.
"Es gibt wie erwartet Probleme?"
"Herr..." hob die Dienerin an, doch Haggar brachte sie mit einer Geste zum Schweigen. "Entferne Dich!"
Die Dienerin verneigte sich und verließ schnell das Zimmer. Als die Tür wieder geschlossen war, seufzte Haggar und schüttelte den Kopf.
"Wir treffen bald in Koturis ein. Ich muss Dir ja wohl nicht erklären, wie wichtig die Ratsversammlung ist?"
"Nein" antwortete sie kühl und musterte ihren Vater. Alt und Fett, dachte sie verächtlich. Er hatte ebenfalls eine prunkvolle Robe an, die sich über seinen Bauch spannte und deren edler Stoff und feine Muster im Widerspruch zu Haggars aufgedunsenem Gesicht standen. Sie erschauerte, als sie die Schuppen auf seinen Schultern bemerkte.
"Du wirst dieses Gewand anziehen, und du wirst dich so benehmen, wie man es von der zweitgeborenen Tochter des Hauses Takra erwarten kann", sagte er in einem feststellenden Tonfall. "Es sei denn, Du ziehst es vor, dass ich Dich wegen Unwohlseins entschuldige?"
Seine rechte Hand zuckte leicht. Er hatte sie früher schon geschlagen, war in letzter Zeit aber vorsichtiger geworden. Lea spannte ihren Körper an. Muskeln zeichneten sich unter dem enganliegenden, schwarzen Gewand ab.
"Nein, Haggar", sagte sie verächtlich.
"Vater!" knurrte Haggar. "Für Dich immer noch Vater!"
"Ja, Vater."
"Ich hole jetzt das Mädchen und du tust was ich dir gesagt habe, haben wir uns verstanden?"
"Jaaa..."
Er grummelte etwas und trat auf den Gang. Lea wischte sich angewidert einen Tropfen seiner Spucke aus dem Gesicht und grinste leicht. Das Mädchen ging an Haggar vorbei, nicht ohne eines anzüglichen Blickes gewürdigt zu werden. Haggars Starren wurde erst durch die automatische Tür beendet.
Lea wandte sich seufzend dem Gewand zu. Es war bunt und prunkvoll, ausladend. Es musste ein Vermögen gekostet haben, es zu fertigen - alles war in Handarbeit aus Naturmaterialien hergestellt worden. Was für eine Verschwendung, dachte sie, während ihr die Zofe in das Gewand half und die komplizierten Schnallen bearbeitete.

Zischend senkte sich die Rampe des Familienkreuzers. Fußtruppen der Takra marschierten hinab und bildeten ein Spalier auf der Landeplattform. Hano Larik, der Waffenmeister, folgte. Unten angekommen, sah er sich um und nickte.
Haggar warf Iflan einen freundlichen und Lea einen strengen Blick zu, bevor er losging. Iflan grinste hämisch und setzte sich ebenfalls in Bewegung. Lea folgte und gab sich Mühe, trotz des unbequemen und steifen Gewandes einigermaßen aufrecht und erhaben auszusehen.
Haggar lief in der Mitte, rechts hinter ihm Iflan, links von ihm Lea, natürlich noch ein wenig hinter Iflan. Eine Frau gab es nicht; Matina war früh gestorben und Haggar hatte sich keine neue Partnerin gesucht.
Es war ein sonniger Tag, aber in der Höhe der Landeplattform wehte ein kalter Wind. Sie befanden sich hoch über der Stadt Koturis, auf einem der Ausleger der höchsten Ebene. Vor ihnen erhob sich das Rats- und Verwaltungsgebäude der Hinterbliebenen.
Haggar blieb vor einer Abordnung des Rates stehen. Der Anführer der Gruppe trat vor und ging vor ihm in die Knie.
"Ich grüße euch, edler Patriarch der Takra", sagte er und schaute zu Iflan. "Euch auch, edler Erbe der Takra".
Dann stand er auf und verneigte sich leicht vor Lea. "Seid ebenfalls gegrüßt."
Lea verneigte sich leicht und gab sich ansonsten größte Mühe, gerade aus zu schauen. Genau in diesem Moment zischte etwas durch die Luft, gefolgt von einem leisen Plopp. Iflan keuchte und presste sich die Hände auf die Brust. Einen Augenblick später verwandelte er sich in eine rote Wolke. Lea wandte ihr Gesicht ab und spürte, wie ein Regen von Blut und Fleischfetzen gegen sie prasselte. Als sie wieder nach Iflan sah, konnte sie nur noch eine rote Lache erkennen, in der Stiefel und einige Fetzen lagen. Einzelne Körperteile waren noch zu erkennen. Alle Umstehenden waren mit Blutspritzern und Körperteilen bedeckt und schwiegen.
"Alaaaarm!" ertönte Lariks Schrei. "Zum Schiff!"
Die Leibwachen stürmten heran und drängten sich um Lea und Haggar. "Zum Schiff, Herr!" drängten sie, während sie ihre Waffen mal hierhin, mal dorthin richteten. Sie rannten auf die Rampe zu, als aus der Ferne schon der Alarm der Versammlung erscholl. Die Abordnung rannte zum Hauptgebäude zurück. Jagdgeschwader erhoben sich und sicherten den Luftraum. Noch während sie in das Schiff stolperten, schloss sich die Rampe und heulten die Turbinen auf. Kurze Zeit später hoben sie donnernd ab.

Lea entstieg der opulenten Wanne ihres Quartiers. Bevor sie ein Bad nehmen durfte, hatte ihr ein blasser Diener Knochensplitter, Hautfetzen mit Haarbüscheln und Fleischbrocken aus dem Gesicht entfernt; die wenigen Überreste ihres Bruders waren zu wertvoll, um mit dem Badewasser weggespült zu werden. Sie nahm ein Handtuch und begann, ihren Körper trocken zu rubbeln. Gerade, als sie das Handtuch weglegte, ging das Interkom los.
Ohne Bestätigung abzuwarten, erschien das Bild ihres Vaters auf einem in der gekachelten Wand eingelassenen Bildschirm.

"Lea! Komm in Konferenzraum - sofort!"
"Sofort?" fragte sie.
"Frag nicht so dumm, zieh Dir was an", knurrte Haggar. "Deine Präsenz ist hier erforderlich."
Bevor Lea antworten konnte, wurde das Bild dunkel.

Lea betrat den Konferenzraum mit nassen, ungeordneten Haaren. Lampen aus Gold und Kristall tauchten den Raum in weißgelbes Licht. Am Kopfende eines langen Tisches aus poliertem Holz saß ihr Vater. Er hatte sich wieder in opulentere Kleidung geworfen, während Lea wieder ihre schwarze Uniform trug.
"Komm her und setz Dich", befahl er und deutete auf den Platz neben sich. Neben ihm stand Larik - sein Gesicht war überaus blass und stand in starkem Kontrast zu seinem dunklen Haar.
Lea schritt über den flauschigen Teppich des Raumes und setzte sich neben Haggar. Ohne sie weiter zu beachten, hieb Haggar auf einen Schalter vor ihm.
"Sie können jetzt durchstellen", bellte er. Der Raum verdunkelte sich und auf der Tischplatte leuchtete das Hologramm des Abgeordneten auf, der sie auf der Plattform begrüßt hatte.
"Erhabener Patriarch, wir bedauern den Verlust ihres..."
"Sparen Sie sich das", unterbrach ihn Haggar barsch. "Präsentieren Sie mir den Bastard, der das getan hat!"
"Erhabener Patriarch, wir ermitteln noch..."
Haggar ließ seine Faust auf die Tischplatte krachen. "Ich will den Kopf dieses Abschaums haben! Niemand greift die Takra ungestraft an!"
"Ich verstehe euren Ärger", wand sich der Abgeordnete. "Jedoch haben wir noch keine Hinweise auf den Täter..."
"Dann findet sie!" brüllte Haggar. Er ließ den Kopf in seine rechte Hand sinken. "Findet diesen Schweinehund." flüsterte er fast.
Larik legte seine Hand auf die Schulter Haggars und wandte sich an den Abgeordneten. "Was haben ihre Untersuchungen denn bis jetzt ergeben?" fragte er mit fester Stimme.
"Nun, es handelte sich bei dem Projektil um ein Explosivgeschoss. Es drang in den Körper des Opfers ein und..."
"Ich glaube, das ist uns hinlänglich bekannt", unterbrach sie ihn. "Was uns viel eher interessiert ist, ob es Hinweise auf den Täter gibt. Wurde eine Tatwaffe gefunden? Von wo wurde geschossen?"
"Nun...wir haben eine Tatwaffe..." sagte der Abgeordnete gequält. "Aber es ist so..."
"Aber was?" hakte Lea nach. "Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit."
Der Abgeordnete seufzte. "Die Tatwaffe war auf einer Schwebeplattform montiert und mit einem Sensorsystem ausgestattet. Der Attentäter kann sie von sonst wo bedient haben."
"Aber in so einem Fall würde doch das Warnsystem des Ratsgebäudes ansprechen", widersprach Larik. "Oder ist das etwa deaktiviert gewesen?"
"Nein, das System war die ganze Zeit über aktiv", versicherte der Abgeordnete.
"Kann das System getäuscht worden sein?" fragte Lea.
Der Abgeordnete schien zu überlegen. "Wenn es eine berechtigte Person in den Perimeter gebracht und dort freigesetzt hätte, wäre es nicht von den Sensoren erfasst worden..."
"Wovon wir also ausgehen müssen", folgerte Lea. "Es muss also eine der Familien oder einer der..."
"Natürlich!" kreischte Haggar. "Es müssen die Sheven-Rashiks gewesen sein! Durchsucht ihr Schiff!"
Der Abgeordnete schüttelte den Kopf. "Das ist eine schwere Anschuldigung, für die ihr keinen Beweis habt. Ich kann aber nicht auf der Grundlage einer reinen Behauptung das Schiff einer ehrenwerten Grossen Familie durchsuchen lassen - selbst wenn ich wollte, es ist nicht erlaubt."
"Sie lassen diese Hunde also einfach so davonkommen? Ich verlange Gerechtigkeit!"
"Ich bin mir sicher, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun werden, um den Mörder zu finden", übernahm Lea. "Bitte verzeihen und vergessen sie die Anschuldigungen meines Vaters - sie können sich ja sicher vorstellen, wie schwierig diese Situation ist. Teilen sie uns bitte jedwede Neuerung mit."
Sie beendete das Gespräch. Haggar sah sie fassungslos an.
"Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?" brüllte er und sprang auf.
Lea stand ebenfalls auf. "Es hilft nichts, wenn du haltlose Anschuldigungen in die Welt setzt!"
"Haltlos?" schrie Haggar und kam näher. "Du weißt genau, dass dieses Gesocks dahinter steckt!"
"Und selbst wenn", antwortete sie ungerührt. "Wir können sie nicht aufhalten, nicht hier und jetzt. Derlei Dinge werden anders geregelt."
"Wie kannst Du es überhaupt wagen, mir zu widersprechen? Und dann noch vor Fremden?"
Er ballte seine rechte Hand zur Faust.
"Ich habe getan, was nötig ist, um weiteren Schaden von den Takra abzuwenden", sagte sie. "Du bist dazu derzeit nicht fähig."
Er holte aus und schlug nach ihr. Lea trat rechtzeitig beiseite und nutzte den Schwung ihres Vaters zu ihren Gunsten. Sie ergriff einen seiner rudernden Arme und drehte ihn auf seinen Rücken, während sie mit dem anderen Arm um seinen Hals griff.
"Ich dachte, das hättest Du gelernt", zischte sie. Haggar strampelte und versuchte nach ihr zu treten, doch Lea drehte den Arm nur weiter. Ihr Vater stöhnte.
"Zwing mich nicht, Dir ernsthaft wehzutun", zischte sie weiter. Dann entliess sie ihn aus ihrem Griff und sprang von ihm weg.
"Das bereust Du noch", knurrte Haggar. Er sah Larik an, der mit bewegungsloser Miene im Hintergrund stehen geblieben war. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er den Konferenzraum.
"Das war nicht sehr klug", tadelte Larik.
"Hast Du Angst?" spottete sie.
"Dein Vater könnte auf die Idee kommen, ich hätte Dir zuviel beigebracht"
"Man kann nie genug wissen", widersprach sie. "Und jetzt erst recht nicht."
Die Tür des Konferenzraumes glitt auf. Zwei Wachen traten herein.
"Wir sollen Lady Dumont in ihr Quartier geleiten", meldeten sie. Lea zog die rechte Augenbraue hoch und sah Larik an, bevor sie den Wachen folgte.

II.

Auf den Dächern des Takra-Palastes wehten alle Flaggen auf Halbmast. Lange Bahnen schwarzen Trauerflors wehten auch Wochen nach der Beerdigung der Überreste Iflans vor den Fenstern.
Die Ratstagung war auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Die Untersuchungen hatten nichts weiter ergeben, aber innerhalb des Palastes wurde nur ein Name genannt: Sheven-Rashik.
Auf Geheiß ihres Vaters war Lea in ihrem Quartier geblieben. Es war großzügig angelegt, blieb aber dennoch ein Käfig. Wenigstens hatte sie sich schon vor einiger Zeit einen Trainingsraum hier eingerichtet.
"Abdunkeln", befahl sie. "Trainingseinheit 27, Stufe 8"
Der Raum wurde dunkel. Dann leuchteten die Wände vor ihr auf und bildeten das Muster einer Stadt. Sie ergriff die Nachbildung eines Scharfschützengewehrs und kniete sich in der Mitte des Raumes hin. Durch das Zielfernrohr konnte sie die feinen Bildpunkte an den Wänden des Raumes erkennen, die ihr die Szenerie vorgaukelten. Sie schaute am Fernrohr vorbei nach einem Ziel. In einem der Fenster tauchte eine Gestalt auf. Sie zielte und schoss. Das Gewehr simulierte den Rückstoss, während die Gestalt verschwand. Weitere Personen tauchten in der Stadtlandschaft auf. Sie schoss weiter, achtete aber darauf, keine als unbeteiligt markierten Personen zu treffen. Als ihre simulierte Munition ausging, musste sie die Attrappe neu laden. Die Ziele wurden zahlreicher und beweglicher. Sie pickte einen Gegner nach dem anderen aus.
"Lady Dumont?" hörte sie eine Stimme. Sie schwenkte herum und erkannte nur den Umriss einer Person im Gegenlicht vor der offenen Tür.
"Programm beenden, aufhellen", befahl sie. Jetzt erkannte sie Larik.
"Ihr seid gut geworden", sagte er anerkennend.
"Könnte besser sein", antwortete sie und stand auf. "Was gibt es?"
"Euer Vater möchte euch sprechen."
"Haggar?" sagte sie verächtlich, während sie die Attrappe des Gewehrs in einem Schrank verstaute. "Was will er denn?"
"Das weiß ich nicht", sagte Larik. "Ich soll dich nur holen."
Lea schaute auf den Gang und vergewisserte sich, dass sonst niemand zu sehen war. Dann schloss sie die Tür. "Und was haben die Nachforschungen hinsichtlich der Sheven-Rashik ergeben?"
"Nichts weiter. Sie haben ihr Bedauern über den Verlust Haggars ausgedrückt..."
"Sicher haben sie das", lachte sie. "Die Form muss gewahrt werden, nicht wahr - zumindest solche Formen."
Larik verzog das Gesicht. "Wie steht es mit unserem Kontakt", fragte Lea. "Ist er für meine...Gabe empfänglich gewesen?"
"Das weiß ich nicht", sagte Larik und holte etwas aus seiner Innentasche hervor. "Dies hier soll ich dir geben."
Lea nahm den versiegelten Umschlag entgegen und öffnete die Nachricht. Darauf waren nur einige Zahlen zu sehen.
"Sehr gut, das reicht", sagte sie zufrieden.
"Worum geht es eigentlich?"
"Das lass mal meine Sorge sein", sagte sie knapp. "Sage ihnen einfach nur, dass ich einverstanden bin."
Larik nickte. "Dann sollten wir Hagg...ich meine deinen Vater nicht warten lassen."
"Natürlich nicht", sagte Lea und verließ den Raum.

Haggar saß hinter dem mächtigen Schreibtisch seines Geschäftszimmers. Hinter ihm erstreckten sich drei große Panoramafenster, die Ausblick auf die Parkanlagen und die dahinterliegende Stadt erlaubten.
"Hallo Lea", sagte er emotionslos.
"Hallo Vater", antwortete sie ebenso gefühlskalt, als sie den Raum betrat. "Was gibt es?"
"Wir müssen reden", sagte er.
"Tatsächlich?"
"Ja. Komm und setz Dich."
Lea schritt durch den großen Raum. Auch hier hatte Haggar einen von diesen sündhaft teuren, plüschigen Teppichen auslegen lassen. Sie nahm in einem Sessel vor dem Schreibtisch platz.
Haggar hing mehr in seinem Sessel als das er saß. Seine Haare waren grau geworden, die Haut schlaffer. Die Augen lagen tief in den Höhlen, über deutlichen Tränensäcken.
"Es geht um die Zukunft des Hauses Takra", sagte er. "Um Deine Zukunft."
Lea nickte nur.
"Jetzt, da Iflan tot ist..." begann er und brach ab. Er atmete tief ein und begann erneut: "Jetzt, da der Erbe des Hauses nicht mehr ist, müssen wir nach einer sinnvollen Verbindung suchen, um das Haus nicht untergehen zu lassen."
"Verbindung?"
"Du weißt, was das bedeutet", sagte Haggar. "Wir müssen dich mit dem Erben eines der Anwärterhäuser des Äußeren Kreises verheiraten. So kann wenigstens der Einfluss der Takra bewahrt werden."
"Und was ist, wenn ich das nicht will?"
"Siehst Du eine andere Möglichkeit?" fragte Haggar. "Ohne Erben geht das Haus der Takra unter."
"Ich werde dieses Haus leiten", sagte Lea.
"Du? Aber das geht nicht!"
"Ich bin vorbereitet und talentiert. Um genau zu sein, bin ich sogar besser geeignet als Iflan es jemals war!"
"Wie kannst Du...", er brach ab. Er wusste, dass sie recht hatte - sie war stets begabter als Iflan gewesen.
"Aber es nützt nichts, du bist...nun..."
"Eine Frau?" fragte sie. "Was soll das schon ändern?"
"Die Tradition..."
"...ist verkommen. Die Eingeweihten haben eine 2000jährige Tradition der Geschlechtergleichstellung, das Patriarchat ist eine Entwicklung der Hinterbliebenen. Ein schlechter, terranischer Einfluss, wie so vieles, seit dem Exodus."
"Schlechter Einfluss...? Wie meinst Du...?"
"Ja, genau", sagte sie mit fester Stimme. "Seitdem die Hinterbliebenen die Erde verlassen haben, sind wir stetig verkommen."
"Wie kommst Du darauf?" fragte er mit lauter Stimme.
"Unsere Vorfahren waren das Produkt einer tausendjährigen Zuchtdisziplin", erklärte sie. "Stark und erhaben, edel und stolz. Wären sie nicht betrogen worden, sie würden noch heute über die Erde herrschen. Statt dessen sind wir genauso schwach und korrupt wie die übrigen Menschen geworden, wenn nicht noch schlimmer."
"Schlimmer?"
"Ja, wir klammern uns an unsere Traditionen, und fühlen uns überlegen und großartig, obwohl wir wirklich keinen Grund dazu haben. Wir sind zu nichts weiter als einer Aristokratie verkommen."
"Wie kannst Du so über unsere Traditionen sprechen? Hast Du keinen Respekt?"
"Respekt vor was? Davor das ein paar mächtige Familien einen Planeten unter sich aufgeteilt haben und sich mal durch Terror, mal durch Bestechung an der Macht halten? Davor bestimmt nicht!"
"Und was schlägst Du vor?"
Lea stand auf und ballte ihre rechte Faust. "Ernenne mich zu deiner Erbin", drängte sie. "Mit den Takra hinter mir werde ich die Hinterbliebenen reformieren. Ich werde die Korruption hinwegfegen und die wahren Traditionen wieder etablieren!"
Haggar sprang ebenfalls auf. "Du gehst zu weit!" rief er. "Du kennst Deinen Platz nicht!"
"Den kenne ich sehr wohl", sagte sie. "Mein Platz ist der, den ich mir nehme."
"Gar nichts wirst du dir nehmen!" brüllte er. "Du wirst gehorchen, und nichts sonst!"
"Nun gut, wenn du zu feige bist, mit falschen Traditionen zu brechen - dann soll es so sein. Ich jedenfalls werde tun, was getan werden muss!"
Rasch drehte sie sich um und verließ den Raum, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Lea wachte auf, als ihr die hochstehende Sonne ins Gesicht fiel. Sie wunderte sich; üblicherweise ließ sie sich früh von dem Computersystem des Palastes wecken. Eilig stand sie auf und zog sich an.
In den Gängen des Palastes war es ungewöhnlich ruhig und leer. Als sie die große, zentrale Halle betrat, kam Ian Thradash auf sie zu.
"Der Patriarch möchte euch sehen", sagte er mit unruhiger Stimme. "Ich soll euch finden und zu ihm bringen."
"Bitte, wenn er mich sehen möchte, wollen wir ihn nicht warten lassen".
Sie bedeutete dem Stellvertreter Lariks, ihr vorzugehen. Sie durchquerten die große Halle und stiegen eine breite Treppe an der Stirnseite des Raumes empor, hoch zu der Redeplattform des Palastes.
Sie traten hinaus ins freie, in einen sonnigen, wenn auch kalten Tag. Lea fröstelte in der frischen Luft.
Ihr Vater saß einige Stufen tiefer. Sie trat durch ein schwaches Kraftfeld.
"Vater?" kündigte sie sich an.
Haggar stand auf und fixierte sie mit seinen grünbraunen Augen. Innerhalb des Kraftfeldes war es still und warm; es hielt nicht nur die Kälte, sondern auch Schall draußen. Die drückende Stille eines schalltoten Raumes.
"Du kommst rechtzeitig", sagte Haggar.
"Wozu?"
"Für eine kleine Demonstration", antwortete er grinsend. "Dessen, wer hier noch das Sagen hat."
Er trat vor an die Brüstung und deaktivierte das Feld mit einem Schalter. Auf dem weitläufigen Vorplatz zu ihren Füssen hatten sich Truppen und Bedienstete des Palastes versammelt.
"Ich spreche zu euch mit dem Willen und der Autorität des Patriarchen der Takra", rief er. Eine unsichtbare Technik verstärkte seine Stimme und ließ sie über den Platz donnern.
"Vor Wochen wurde der Erbe der Takra durch einen hinterlistigen Angriff geraubt. Doch ich hätte nicht gedacht, dass sich Hinterlist und Verrat unter meinem eigenen Dach finden würden, direkt neben mir!"
Lea schluckte und kämpfte den instinktiven Drang nieder, zu fliehen. Eine quälende Pause folgte.
"Seht nun, was den Verrätern blüht!"
Er deutete nach unten. Lea wagte einen vorsichtigen Blick und erkannte, wie Hano Larik das Gebäude verließ, gefesselt und von zwei Wachen begleitet. Haggar drehte sich ihr zu und reaktivierte das Kraftfeld.
"Nun?"
"Was soll das?" fragte sie. "Das ist Wahnsinn!"
"Ach ja?" sagte er gelassen. "Er wurde erwischt als er eine Nachricht an die Sheven-Rashik übermittelte."
"Ein Täuschungsmanöver", erklärte sie hastig. "Wir haben einen Agenten bei den Sheven-Rashik, vielmehr einen ihrer Leute, der sich ein kleines Zubrot verdienen möchte."
"Du hast also über meinen Kopf hinweg die Sheven-Rashik ausspioniert?"
"Ja, aber nur zum besten der..."
"Ich sagte doch, Du weißt nicht, wo dein Platz ist", unterbrach er sie kalt. "Es ist irrelevant, wie deine Gründe waren. Eine Lektion ist fällig...und ich kann ja wohl kaum meine eigene Tochter hinrichten lassen?"
"Was?" schrie sie entsetzt. "Vater! Du kannst nicht..."
Haggar beachtete sie nicht weiter und deaktivierte das Feld. Sie schwieg; ihm jetzt öffentlich zu widersprechen, erschien ihr unklug. Die Wachen hatten Larik in die Mitte des Platzes gestellt.
"Mit dem Willen und der Autorität des Patriarchen der Takra verkündige ich folgendes", donnerte Haggars Stimme über den Platz. "Der Erste Waffenmeister des Hauses Takra, Hano Larik, wird des Verrates für schuldig befunden. Als Konsequenz dieses schändlichen Verhaltens wird Hano Larik seines Postens mit sofortiger Wirkung enthoben."
Zwei Wachen traten zu ihm hin und rissen ihm die Abzeichen von der schwarzen Uniform.
"Als zweite Konsequenz wird Hano Larik von dieser Welt getilgt. Sein Name soll keine Erwähnung mehr finden im Hause der Takra."
Die Wachen entfernten sich von Larik. Ein begrenzendes Kraftfeld baute sich um ihn herum auf.
"Die Erste Dame des Hauses Takra wird den Willen des Patriarchen vollstrecken."
Haggar wandte sich zu ihr und aktivierte das Schallschutzfeld. "Damit du lernst, Verantwortung für deine Handlungen zu übernehmen. Gib das Zeichen und es wird geschehen."
Der Mann an der Konsole auf dem Platz signalisierte Bereitschaft. Lea zögerte.
"Was ist? Wo bleibt deine Stärke?"
"Er war dein loyalster Untergebener", sagte sie mit heiserer Stimme.
"Deiner vielleicht", sagte er barsch. "Meiner nicht. Und nun tu, was ich dir gesagt habe!"
Sie zögerte immer noch. "Mach schon, oder soll dir Ian helfen?"
Langsam hob sie ihre Hand. Sie griff auf alle Mittel der Selbstkontrolle zurück, und dennoch war es ihr, als hob sie eine unendliche Last. Sie wartete, lange, quälende Sekunden. Sie stellte sich vor, Haggar würde an Lariks Stelle stehen. Sie neigte leicht den Kopf und sah Larik an, der mit zerfetzter Uniform und geschlagenem Gesicht innerhalb des Feldes stand. Er nickte leicht.
Eine Welle des Hasses brandete in ihr auf. Sie legte all ihren Hass, ihren Zorn in diese Geste und ließ die Hand niedersausen.
Der Boden unter Larik glühte auf. Unmenschliche Schreie gellte über den Platz, als Larik langsam in dem desintegrierenden Kraftfeld versank. Nichts blieb von ihm übrig.
"Lerne daraus", sagte Haggar und deaktivierte das Feld.
"Der Wille des Patriarchen wurde vollstreckt", rief er. "Lasst es den Unwürdigen eine Mahnung sein."
Lea war schlecht. Ohne abzuwarten, drehte sie sich um und eilte davon. Während sie durch den Palast eilte, kamen Schuldgefühle in ihr auf; der Hass aber war stärker und trieb sie voran.

III.

"Ich sage dir, das ist ne scharfe Braut", sagte Humyn. "Jetzt hat sie den Blonden aus 4C an der Angel, der zappelt noch aber bald hat sie den im Boot."
"Jo, von der würde ich mich liebend gerne ins Boot holen lassen", feixte Jashet. "Da gibt's gekochten Fisch, der dampft schon, hehehehe..."
"Meine Herren?"
Lea stand vor ihnen. Sofort nahmen sie Haltung an. "Lady Dumont, verzeiht..." stammelte Humyn.
"Nichts zu verzeihen", sagte sie scharf. "An dem Geschwätz der Simplen bin ich nicht interessiert. Was tut ihr hier?"
"Wir bewachen den Shuttlehangar", meldete Humyn zackig.
"Gut", sagte sie. "Ihr seid davon befreit."
"Aber Thradash hat gesagt..."
"Ich bin an Gehorsam interessiert", fuhr Lea ihn an. "Und ihr sicher nicht an meinem Ärger?"
"Nein, Lady Dumont..."
"Dann tut, was ich euch sage."
"Sehr wohl, Lady Dumont."
Die Wächter eilten davon. Lea sah sich um und erblickte schließlich ein simples Schwebefahrzeug, ohne Markierungen des Hauses. Zielstrebig stieg sie ein, aktivierte die Aggregate und schoss aus dem Hangar.

Lea flog tief über das Land. Der Autopilot wich den Hindernissen der Landschaft aus und kam schließlich auf das weite, offene Meer. Lea nutzte die Zeit, um ihre Ausrüstung zu sortieren und vorzubereiten. Sie jagte über mehrere Zeitzonen, bis es dunkel wurde und sie in eine hell erleuchtete Stadt kam. Vorsichtig manövrierte sie durch die Häuserschluchten und landete schließlich auf dem Dach eines hohen Gebäudes. Sie stieg aus und aktivierte ihren Chamäleon-Anzug. Als sie die Kapuze über das Gesicht zog, war sie quasi vollkommen mit der Umgebung verschmolzen.
Sie schlich an den Rand des Gebäudes, vorsichtig, um nicht von dem Wind umgeworfen und in die Tiefe geschleudert zu werden. Sie schätzte den Abstand zum nächsten Hausdach, beschleunigte und sprang.
Die Anti-Schwerkraft-Einheit ihres Anzugs half ihr, die Distanz zu überbrücken und lautlos auf dem anderen Dach zu landen.
Sie huschte über das Dach und sah zwei Gestalten, die an der Kante des Daches standen. Langsam schlich sie heran und zog ihr Messer. Die beiden unterhielten sich und bemerkten sie nicht.
Sie sprang vor, hielt dem Wächter den Mund zu und riss das Messer quer über seine Kehle. Ein ersticktes Gurgeln war zu hören, während der zweite seine Waffe entsicherte und den Mund öffnete. Dann fiel er um, mit Leas Klinge tief in seinem rechten Auge. Sie ergriff ihn und schubste ihn von der Kante weg, damit er nicht in die Tiefe fiel. Sie zog das Messer aus dem Kopf des Opfers und legte sich an die Kante.
Vor ihr lag ein großer Platz mit einem hell erleuchteten Podium. Sie schaute nach links, zu einem Gebäude, das näher an dem Platz lag und besser geeignet war; dort jedoch tummelten sich bestimmt die Wachen der Sheven-Rashik. Das Bestechungsgeld war kaum hoch genug gewesen, um Posten von dort abzuziehen. Aber es hatte die Aufmerksamkeit ungleich verteilt.
Lea zog ihre Waffe hervor - ein magnetischer Beschleuniger für Metallprojektile.
Die Menge auf dem Platz jubelte. Schnell entsicherte sie die Waffe und erkannte, wie die Sheven-Rashik auf das Podium traten. Alle zusammen. Sie schaute durch das Zielfernrohr. Der passive Sensor offenbarte ihr wie erwartet ein Kraftfeld. Sie folgte der Intensität des Kraftfeldes und erkannte zwei leuchtende Punkte, die Projektoren.
Sie zielte und schoss.
Das Projektil durchschlug das Kraftfeld und traf den linken Projektor. Mit einer gleißenden Explosion brach das Feld zusammen. Schon schaltete sie auf den Präzisionslaser um und suchte ihre Ziele. Ein Strahl zerschnitt den Kopf von Hadja Rashik. Der zweite Strahl forderte seinen Sohn, der dritte die Tochter und der vierte schließlich die Frau. Panik brach auf dem Feld aus. Drohnen erhoben sich in die Luft, nach Zielen suchend. Lea sprang auf und feuerte auf zwei der Drohnen, die explodierend abstürzten. Dann warf sie das Gewehr hin und rannte davon.
Nicht zu früh; die restlichen Wachen hatten die Wärmestrahlung des erhitzten Lasers geortet und feuerten auf ihre frühere Position. Das Dach erbebte unter einer gewaltigen Explosion. Lea wurde von der Druckwelle erfasst und spürte die Hitze hinter sich. Weitere Raketen kreischten heran.
Lea rannte über die Kante und fiel mit Trümmern der Fassade hinab. Sie bremste ihren Fall und landete auf der Strasse. Eine noch gewaltigere Explosion zerriss die oberen Stockwerke des Hauses. Trümmer regneten herab und erschlugen viele der von dem Platz Flüchtenden. Lea deaktivierte ihre Tarnung und mischte sich unter die Menschenmenge.
Ihr Wagen stieg auf und wurde ebenfalls abgeschossen. Befriedigt ließ sie die Fernbedienung fallen und eilte weg von dem Ort des Geschehens.

Die Fähre der Takra steuerte auf den Palast zu. Man hatte sie schließlich gefunden und brachte sie zurück. Sie war müde, aber zufrieden.
Als sie die Fähre verließ, standen ungewöhnlich viele Soldaten in dem Hangar. Sie schwiegen und sahen sie ehrfürchtig an. Viele neigten ihr Haupt.
Auch Ian Thradash schien beeindruckt. "Euer Vater wünscht euch zu sprechen", sagte er knapp. Lea nickte.
Als sie durch die Korridore des Palastes liefen, blieben die Bediensteten und Wächter stehen. Auch sie sahen sie ehrfürchtig an und verneigten sich vor ihr. Schließlich kamen sie in das Geschäftszimmer ihres Vaters.
Haggar wies Thradash vor die Tür. Als sie alleine waren, erhob er sich und schritt auf Lea zu.
"Was zum Teufel hast Du da gemacht?" schrie er außer sich.
"Die Autorität der Takra wiederhergestellt", sagte sie kalt.
"Das ist meine Aufgabe!" ereiferte er sich. "Ich bin der Wille und die Autorität der Takra!"
"Du bist die Unfähigkeit und die Untätigkeit der Takra", entgegnete sie. "Ich habe getan, was getan werden musste."
"Wie kannst du es wagen!" brüllte er. "Entferne dich! Ich werde das nicht länger dulden."
Sie nickte. "Wie du meinst."
Als sie den Raum verließ, schritt sie an Thradash vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

Es war dunkel und ruhig. Lea schritt durch die nächtlichen Korridore des Palastes, ohne jemandem zu begegnen. Sie erreichte den Eingang zur großen Halle und wartete. Nach einiger Zeit kamen leise Schritte näher. Um eine Ecke bog eine junge, hübsche Dienerin mit einem Tablett. Sie erschrak, als sie Lea sah.
"Lady Dumont", sagte sie schüchtern.
"Gebt mir das Tablett", sagte sie. "Ich werde meinem Vater den Tee selber bringen."
"Der Herr hat mir befohlen, den Tee persönlich..."
"Latitia", sagte Lea sanft. "So heißt, ihr doch, oder?"
"Ja, Lady Dumont."
"Latitia, bist Du daran interessiert, meinem Vater heute nacht auch auf andere Art und Weise dienstbar zu sein?"
Das Mädchen errötete. Jeder wusste, was es bedeuten konnte, Nachts in den Thronsaal gerufen zu werden.
"Sag es offen und ehrlich, Latitia."
"N-nicht wirklich", sagte Latitia zögernd.
"Dann seid bitte so gut und reicht mir das Tablett. Es wird Dir nichts weiter geschehen."
Sie nickte und gab Lea das Tablett. Sie verneigte sich und entfernte sich rasch.

Der Thronsaal war in ein fahles Licht getaucht. Haggar saß in sich zusammengesunken in dem Thronsessel und beobachtete die Tür weit am anderen Ende des Raumes. Schließlich öffnete sie sich und eine schwarz gekleidete Gestalt kam herein. Sie bewegte sich aufrecht auf ihn zu, ein Tablett in den Händen. Die Schritte hallten durch den weiten Raum. Die Gestalt kam näher, und er erkannte sie - Lea.
Sie stieg behutsam die Treppen empor und stellte das Tablett auf einem Beistelltisch ab. Sie verneigte sich leicht vor ihm. Dann wandte sie sich an seine Wachen.
"Ihr könnt gehen."
"Sehr wohl, Lady Dumont", antworteten die Wächter ohne zögern. Sie verneigten sich tief vor Lea und gingen, bevor er protestieren konnte. Er blickte auf das Interkom, das in der Armlehne seines Sessels eingelassen war.
"Thradash hatte heute Abend einen bedauerlichen Unfall", sagte Lea mit ruhiger Stimme. "Ich denke, ich brauche einen neuen Waffenmeister."
Haggar grunzte, aber Lea legte den Finger auf ihren Mund. Sie sah ihn tadelnd an.
Er sah sie an. Sie war schön - nicht auf die Art, wie er es gerne bei seinen Gespielinnen sah, sondern auf eine makellose, edle Art. Sie hatte eine helle, reine Haut, klare Augen und dunkle, mattschimmernde Haare. Sie war weiblich, aber nicht übermäßig; ihr Busen war klein und sie hatte ihren Körper jahrelang gestählt. Aber nicht nur das - in ihren dunklen Augen leuchtete es. Larik hatte auch ihren Willen gefestigt und sie zu einer tödlichen Waffe ausgeschliffen.
Sie goss den Tee ein. Ihre Bewegungen waren gezielt und elegant. Nichts war überflüssig, nichts unsicher. Sie ließ zwei Zuckerwürfel in den Tee fallen und rührte die dampfende Flüssigkeit um. Schließlich reichte sie ihm die Tasse.
"Trink" sagte sie.
Haggar nahm die Tasse entgegen und zögerte.
"Trink", bekräftigte sie. "Es ist gut so."
Er sah sie an und sah das Leuchten in ihren Augen, die Willenskraft. Zum ersten Mal war er stolz auf seine Tochter.
"Du wirst würdig sein", sagte er. "Der Name der Takra wird auf Generationen gefürchtet sein."
"Nein", widersprach sie. "Hochgeehrt."
Haggar betrachtete das pinkfarbene Getränk. Dann hob er es an seine Lippen und trank es ganz aus, den bitteren Beigeschmack ignorierend.

IV.

Die Sonne schien durch die Panoramafenster des Geschäftszimmers auf den Rücken von Lea und wärmte sie in ihrer schwarzen Uniform. Draußen flatterte noch immer der Trauerflor, obwohl Wochen seit Haggars Beerdigung vergangen waren.
Die Tür glitt auf. Latitia trat an den Schreibtisch und legte Lea einige Dokumente vor.
"Was ist zu erledigen?", fragte Lea.
"Es liegt eine neue Einladung für die Ratsversammlung vor," erklärte sie. "Außerdem noch einige Nachrichten und Anfragen von weiter entfernten Ländereien."
"Ohne Frage die üblichen Klagen", sagte sie und überflog die Dokumente. Sie zog den Siegelring der Familie von dem Finger. Sie lächelte, als sie "Wille und Autorität des Patriarchen, Lea Dumont-Takra" unter einen Befehl schrieb und das Siegel dazu setzte.
"Hmm..."
Latitia rieb sich die Hände und strich einige Falten auf ihrem Gewand glatt.
"Gibt es noch etwas?"
"Jaa..." zögerte sie.
"Dann raus damit!"
"Äh, nun gut...da war heute ein Mann, der euch sprechen wollte..."
"Und?"
"Er behauptet, ihr schuldet ihm 20.000 Curs für irgendwelche Dienste. Näher ist er darauf aber nicht eingegangen. Ich habe ihn fortgeschickt, aber er hat gesagt, er würde heute Abend wieder kommen."
"Nun, dann werdet ihr ihm bitte 60.000 Curs in bar überreichen und ihm meinen Dank ausrichten."
"Lady...?"
"Tut was ich euch sage, es hat seine Richtigkeit. Bewahrt Stillschweigen über die Sache. Und jetzt geht."
"Sehr wohl, Lady Dumont."
Latitia drehte sich um und schritt aus dem Raum.
Lea zeichnete noch einige Dokumente ab und lehnte sich dann zurück. Der Attentäter hatte gute Arbeit geleistet, da waren 60.000 Curs wirklich angemessen.

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Verantwortlich: Hadanite Marasek

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