"Halt!" rief jemand, als sich Hatashik der Brücke näherte. Sofort drehte er sich in Richtung der Stimme, spannte seinen Körper an.
"Wer wendet sich an mich?" rief er zurück.
Aus dem Schatten eines Unterstandes trat ein Angehöriger des blauen Nordvolkes hervor - viel sah man jedoch nicht von seiner Hautfarbe, hatte er doch alles mit Stoff bedeckt, diesem seltsamen, nicht von Tieren abgezogenem Material.
"Karuta Natai, von der Kooperative des Langen Fliessenden Wassers", antwortete der Fremde. Hinter ihm traten noch zwei weitere Nordländer hervor, bewaffnet und mit seltsamen, stabil wirkenden Gewändern angetan.
"Und wer betritt hier unser Gebiet, und verlangt so frech nach Auskunft?"
"Hatashik, von Hatashik und im Namen des Hatashiks" antwortete er betont arrogant.
"Ah, Südländer. Ihr seid euch immer selbst genug!"
Die Blauen waren seltsam. Was hatten sie nur immer mit ihren Kooperativen? Schon allein dieses seltsame Wort, wir, wir, wir, immer wieder.
"Also, was willst Du?", fragte Karuta nach einer längeren Schweigezeit.
"Ich will über den Fluß."
Ein leises Geräusch der Belustigung war zu vernehmen. "Ah, er will über den Fluß. Das ist doch sehr überraschend. Ich nehme einmal an, er will hier, an dieser Stelle, auf unserer Brücke, über den Fluß?"
"ICH will über diesen Fluß. Auf dieser Brücke."
"Auf unserer", korrigierte ihn Karuta.
"Wer auch immer sie beansprucht. Ich frage lediglich um das Recht des Durchquerens."
Der andere seufzte. "Wir - ich - beanspruchen diese Brücke nicht. Sie gehört uns. Wir haben sie gebaut. So eine Brücke findet man nicht einfach irgendwo und beansprucht sie."
Warum mussten sich Nordländer nur immer so kompliziert ausdrücken?
"Das kümmert mich nicht; alles was ich will..."
"Wir wissen", unterbrach ihn Karuta. "Du willst die Brücke überqueren. Aber es muss dich doch kümmern, wem sie gehört - denn du musst uns Zoll zahlen."
Schon wieder so ein unbekanntes Wort. "Soll?"
"Zoll" antworteten alle drei und schnatterten belustigt los. Als sie sich beruhigt hatten, fuhr Karuta fort: "Noch nie gehört, was? Zoll bedeutet, daß Du uns bezahlen musst, damit wir dich über die Brücke lassen.
Er hatte den fragenden Gesichtsausdruck schon erwartet. "Also, Du musst uns irgend etwas von Wert geben, damit wir dich passieren lassen."
"Was? Ich habe nie von jemandem etwas verlangt, wenn er mein Territorium passieren wollte. Das ist...nicht richtig!"
Der Wächter seufzte wieder sehr tief. "Ich habe es dir doch versucht zu erklären. Diese Brücke ist kein Territorium, daß man findet und beansprucht und bejagt oder so."
Er ging ein Stück auf die Oberfläche der Brücke und liess seine nackten Fusskrallen ein wenig über das Holz scharren.
"Diese Brücke haben wir gebaut. Dafür haben wir recht lange gebraucht. Ein Teil von uns hat die Struktur entworfen, während andere Bäume geschlagen und andere Steine gebrochen haben. Die Kooperative des Langen, Fliessenden Wassers hat uns mit weiteren Leuten unterstützt, und mit Material, um die Pfeiler zu giessen."
"Pfeiler?" fragte Hatashik.
"Ja, die fünf steinernen Pfeiler in der Mitte. Ihre Fundamente wurden gegossen."
"Steine kann man giessen?"
"Es ist ein spezielles Material, hergestellt aus verschiedenen Materialien des Erdreiches. Die genauen Zutaten sind geheim. Jedenfalls kann man dem Gußstein jede Form geben, und er behält sie, sobald er einmal ausgehärtet ist. Darauf haben wir die Pfeiler gebaut, und darüber die Bögen aus Holz, den Boden und das Geländer. Derzeit arbeiten wir noch an einem Dach."
Hatashik war erstaunt. Was brachte einen gesund denkenden Jäger dazu, sein Revier zu verlassen, sich ausgerechnet mit anderen Jägern zusammenzutun und ein Stück Boden über fliessendes Wasser zu bauen? Die Nordländer mussten komplett verrückt sein. Und es half alles nichts - er musste an das andere Ufer gelangen.
"Und warum der Zoll?"
Ein leises Knurren war zu hören. "Wir haben diese Brücke gebaut. Wir halten sie instand. Wir schulden der Kooperative Tribut und denjenigen, die uns hier versorgen, ebenfalls. Also wirst DU uns Zoll zahlen, damit DU trockenen Fusses über UNSERE Brücke gehen kannst. Das ist doch nicht so schwer zu verstehen, oder?"
Hatashik überlegte. "Der einzige Sinn dieser Brücke ist es also trockene Füsse zu bewahren?"
"Ja, und trockene Kleidung, trockenen Proviant, trockenen Stahl..."
Er hielt inne und musterte Hatashik. Er war sandfarben gemustert, tiefste Steppe also. Einen Gürtel hatte er, und einen Sack sowie ein leichter Fellschurz, grob zusammengenäht. Die wenigen Sandfarbenen, die er bis jetzt gesehen hatte, waren alle gleichermassen unzivilisiert gewesen. Intelligent und geschickt, aber unzivilisiert.
"Den Fluss beanspruchst Du also nicht?"
"Nein."
"Dann benötige ich eure Brücke auch nicht!"
Der Fremde verliess den Platz vor der Brücke und begann, die Böschung zum Fluss hinunterzuklettern. Dort brach er einen Zweig ab, warf ihn ins Wasser und schaute ihm nach, wie er davongetrieben wurde. Er überlegte kurz, rannte dann weiter stromaufwärts und sprang in den Fluss!
Karuta musste an sich halten, um nicht entsetzt aufzuschreien. Die Südländer waren in der Tat verrückt, und dieser hier jetzt tot.
Oder auch nicht - mit kraftvollen Schlägen hielt er sich über Wasser und begann, den Fluss zu durchschwimmen. Lediglich ein kleiner, sandfarbener Punkt und zwei dünne Arme waren zu sehen.
Das war Wahnsinn - zwei seiner Leute waren beim Bau der Brücke in diesem Fluss ertrunken. Karuta ging die Brücke entlang und folgte dem langsamen Weg des Südländers. Der wurde natürlich abgetrieben, stiess jetzt gegen den dritten Pfeiler und hielt sich daran fest.
"Das war sehr töricht von dir!" rief Karuta herunter. "Soll ich dir ein Seil holen lassen?"
Er sah keinen Grund, den Fremden im Fluss verschwinden zu lassen, nur als Strafe für seinen Mangel an Erfahrung.
Hatashik schüttelte schnaufend den Kopf. Bevor Karuta noch etwas sagen konnte, hatte der sich schon wieder von dem Pfeiler abgestossen und schwamm weiter.
Langsam ging Karuta weiter und folgte der Bahn des Fremden. Ab und zu verschwand sein Kopf unter der Wasseroberfläche - doch nur, um nach einem kurzen, bangen Moment wieder aufzutauchen. Karuta lief schneller, verliess die Brücke und lief am Ufer entlang. Da kletterte schon ein pitschnasser Hatashik aus dem Wasser. Überall troff es von seiner Ausrüstung herab, perlte die Schuppen herunter. Der Körper des Fremden bebte. Karuta wollte nicht mal einen Fuss in das Wasser setzen müssen.
"Ich habe sogar noch meine nächste Mahlzeit gefangen", frohlockte Hatashik und zeigte dem Wächter einen dicken Fisch, den er auf den Krallen seiner rechten Hand aufgespiesst hatte. "Kann man den essen?"
Der Leib zuckte noch ein wenig. "Ja..."
"Gut!" freute sich Hatashik und riss mit seinen Fangzähnen ein grosses Stück aus dem Fischleib.
"Du willst kein Feuer machen?"
"Wozu?" sagte er schmatzend. "Frisch getötet schmeckt doch am besten."
"Also wozu diese Brücke?" fragte er kauend. "Ich bin doch über den Fluss geschwommen. Wer das nicht so gut kann, soll sich an einen Baumstamm klammern."
"Das ist nicht der einzige Grund..." versuchte Karuta zu erklären.
Hatashik hatte die grössten Stücke von dem Fisch genagt und schaute das Skelett mit ein paar Resten dran kritisch an. Schliesslich holte er aus und schleuderte das Stück weit in den Fluss hinein.
"Es ist nicht nur so, daß die wenigsten gerne ihre Ausrüstung ruinieren und überhaupt fast erfrieren", erklärte er und zeigte auf den treibenden Fischkadaver, neben dem sich das Wasser kräuselte. Plötzlich brach ein riesiges, mit unzähligen Zähnen gespicktes Maul aus dem Wasser empor, verschlang den Kadaver und verschwand geräuschvoll in der Tiefe, nicht ohne eine lange, gezackte Rückenfinne zu präsentieren.
"Sondern auch, daß sich die wenigsten gerne fressen lassen."
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Verantwortlich: Hadanite Marasek |
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